Entdeckungsreise

Es ist eine positive Luftveränderung, die zu einem Perspektivwechsel führt.

12.01.2021

Christoph Westermeier im Interview

Du bist auf Social Media sehr präsent und aktiv: Was würdest du niemals von dir preisgeben? 

Auf meinem StudiVZ Profil war meine politische Positionierung 2006 „Kronloyal“, meine Hobbys „Rauchen und Trinken“ und mein persönliches Vorbild „David Hasselhoff“. Über eine Dekade später ist StudiVZ Geschichte und unser Verhältnis zu den sozialen Medien hat sich fundamental geändert. Wir können uns ihnen nicht mehr ironisch/naiv nähern, da sie zu weltweit agierenden Großkonzernen geworden sind. Heute sind die sozialen Medien globale Werbeplattformen, die über Algorithmen unseren Tagesablauf bestimmen. Dennoch sind sie ganz großartig, um mit Katzen, Kolleg*innen und Co in Kontakt zu bleiben. Instagram bereitet mir eine unglaubliche Freude, ich recherchiere über die Funktion „#“ und versuche Diskurs mit und durch Bilder zu kreieren.

Den ungefilterten Christoph W. werden Sie aber dennoch niemals bekommen, da die sozialen Medien selber ein großer Filter sind und nur in bestimmten Rahmen funktionieren: Es gibt den haptischen Rahmen des Smartphones und es gibt die digitalen Rahmen der Algorithmen.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Carl Brunn

Was nimmst du mit auf Reisen?

Ich nehme immer viel zu viele analoge Bücher mit. Ich möchte mir kein E-Book kaufen, da ich schon genügend Zeit dank der sozialen Medien auf einen Bildschirm starre und so packe ich stets eine etwas übertriebene Anzahl an Belletristik und Theorie ein. Ein Großteil dieses Gepäcks wird niemals zur Hand genommen und wartet nur darauf, ungelesen auf die nächste Reise mitzukommen. 

Was bedeutet Reisen für dich?

In dem Skript zu der Arbeit Die Hohepriesterin im Gelmeroda Hochgebirge, die anlässlich des Tags der Provenienzforschung 2020 entstand, habe ich einen Absatz über das Reisen geschrieben, der nun für Bon Voyage! mit Copy-Paste an dieser Stelle auftaucht: „Die Reisen der Künstler*innen sind Reisen zur künstlerischen Vervollkommnung, sie dienen neuen Eindrücken, Inspirationen und Gedanken. Es ist ein nachhaltiges Reisen, das uns noch hunderte von Jahren später beschäftigt. Es ist eine positive Luftveränderung, die zu einem Perspektivwechsel führt. Ich selber folge dieser Tradition, da ich aber nicht malen oder zeichnen kann, arbeite ich mit der Kamera. Ich sehe Situationen, nehme wahr, fange diese Eindrücke ein.“

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wie viele Stempel sind in deinem Reisepass? Kannst du uns ein Foto senden?

Ich habe in meinem letzten Reisepass, der am 04.01.2020 abgelaufen ist, 34 Stempel gezählt. Noch ist kein neuer beantragt und bin gespannt, wann ich dies machen werde. Innerhalb Europas können wir mit einem Personalausweis und dem Zug ganz wunderbar reisen. Zudem wird unser Verständnis von Reisen gerade neu verhandelt. 

Biografie

  • * 1984 in Köln
  • Studium: 2004–2010 Kunstakademie Düsseldorf, 2011–2013 de Ateliers Amsterdam
  • Meisterschüler von Christopher Williams 2009
  • Residencies in Moskau (2016) und Istanbul (2014)