Bon Voyage!

Karabé: Alte Bekanntschaft

14.05.2021

ein beitrag von Samuel Herzog

Warum war ich hier stehengeblieben? Ich hätte einfach weitergehen sollen, bis nach L’Énanel, wo ich endlich etwas zu essen bekommen würde, denn seit einiger Zeit schon knurrte mir der Magen. Aber da war dieser Duft. Und plötzlich musste ich die Augen schließen, die würzige Luft wieder und wieder durch meine Nase einsaugen, zum Buben werden, der im Garten seiner Großeltern spielt, neben dem Busch mit den pastellblauen Begonien, bestäubt vom ledrig-süßlichen Parfum der fast schon welken Blüten. Dann pfiff dieser Vogel los, klare Töne, eine Melodie wie ein Volkslied. Ich kannte sie, eine honighelle Frauenstimme hatte sie in meinen Träumen gesungen, mich eingelullt, mich mitgenommen.

«Die Melodie kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr?» räusperte sich ein schütterer Bariton hinter mir. 

Ich drehte mich um und blickte in die blaugrauen Augen eines gut fünfzigjährigen, hageren Mannes. Ein wildes Gemisch aus blonden und grauen Haaren klebte ihm auf dem Kopf, schuppig-rote Flecken leuchteten neben seinen Nasenflügeln, er hatte Bartstoppeln am Hals, einen schrägen Mund mit dünnen Lippen.

«Ja, nur woher…»

«Und auch der kleine Teich da drüben, mit dem Baumstrunk daneben, der ein wenig wie eine Steinschleuder aussieht – kennen Sie die Szene nicht?»

«Schon, erinnert mich irgendwie an…»

«Jetzt schauen Sie mal den Weg an, wie er da in den Wald hineinführt, haben Sie nicht das Gefühl, Sie seien ihn schon tausend Mal gegangen?»

Erst jetzt bemerkte ich, dass der Mann die gleiche Jacke anhatte wie ich und ebenfalls einen Rucksack trug, aus dem der Stiel eines Fangnetzes ragte. Ein Kollege?

«Sind Sie auch Entomologe?» fragte ich und deutete erst auf das Fangnetz in seinem Rucksack, dann auf meins.

«Na, was glauben Sie wohl?»

«Und, schon Glück gehabt?»

«Wie man es nimmt. Er beugte sich vornüber, rupfte vorsichtig den Halm eines Flughafers aus dem Boden und hielt mir die Ähren vor die Nase.

Die Mémiselle (Iameratus fragrans) kommt auf der ganzen Insel vor. Der Käfer aus der Familie der Microtrigonae wird höchstens 4 mm groß. Er hat einen dreieckigen Körper, den er senkrecht trägt. Auf der Bauchseite erkennt man ein Muster aus Quadraten und Kreisen. 

Die Tiere fressen hauptsächlich die Blätter verschiedener Gräser und Büsche, ernähren sich aber auch von den Larven anderer Microtrigonae-Arten. Die Weibchen verströmen bei Geschlechtsreife einen starken Duft, der an welke Blüten erinnert und die Männchen anlockt.

«Iameratus fragrans, auf Lemusa gemeinhin auch Mémiselle genannt.»

Tatsächlich sass auf einer der Ähren ein kleiner Käfer mit einem dreieckigen Körper, wie man ihn nur in der Familie der Microtrigonae findet. Eine absolute Premiere für mich. Wobei, irgendwo hatte ich vielleicht doch schon einmal…

«Noch eine alte Bekannte?» Der Blonde schaute mich hämisch an. Wo nur hatte ich dieses Gesicht schon gesehen, wenn auch etwas anders, irgendwie umgekehrt?

«Sie wundern sich nicht, dass Ihnen alles hier bekannt vorkommt?»

«Nein, was soll daran schon eigentümlich sein?»

«Nun, es ist eine Täuschung, denn eigentlich ist alles hier völlig neu für Sie, der Duft, der Gesang, der Teich, der Weg und auch der Käfer, der schuld ist an dem ganzen Debakel. Nichts davon haben Sie je zuvor gesehen.»

«Wie jetzt nichts?»

«Na so wie man’s schreibt. Das ist ja das Problem.»

«Ich versteh nicht recht. Und was hat dieser Käfer damit zu tun?»

«Nun, das Weibchen sondert ein Pheromon ab, mit dem es bei Geschlechtsreife das Männchen lockt. Dieser Botenstoff hat auch einen Effekt auf den Menschen, er löst in ihm ein übersteigertes Bedürfnis nach Harmonie aus und führt dazu, dass ihm plötzlich alles vertraut, bekannt vorkommt. Man spricht bei dieser Erinnerungstäuschung von Panfamiliarisme. Meist fängt es mit einem Duft an, dann folgen Töne…»

«Tatsächlich? So viel ich weiß, kommen Mémisellen doch auf ganz Lemusa vor? Würde das nicht bedeuten, dass für die Bewohner der Insel nichts je neu, nichts je unbekannt ist?»

«Nun, das wäre wohl so, hätte die Mémiselle nicht einen Gegenspieler, den Obliton, Nuncameratus foetens. Bei diesen Käfern scheidet das Männchen einen sexuellen Lockstoff aus, der beim Menschen den genau gegenteiligen Effekt hat, nämlich dass ihm alles neu erscheint, auch Dinge, die er schon lange kennt. Wir sprechen von Panexotisme. Bis vor kurzem hielten sich diese zwei Kräfte die Waage. Die meisten Menschen merkten überhaupt nicht, dass sie unter dem Eindruck dieser Botenstoffe standen und es kam so gut wie gar nie vor, dass jemand in die eine oder andere Richtung ausscherte – jedenfalls nicht in einer Art, die sich hätte wissenschaftlich nachweisen lassen. Die Mémisellen und die Oblitons fressen sich zudem gegenseitig die Larven weg, das hat auch die Population bisher in Schach gehalten.»

«Wie sagte schon Singultius: ‹Natura bestiola callida est›, ‹Die Natur ist ein schlaues Tierchen›!» 

«Tja, vor zwei Jahren allerdings wurde, vermutlich in einem Container mit Rum aus der Karibik, eine neue Kolibriart auf der Insel eingeführt, die sich schnell vermehrte und ausgerechnet die Larven von Nuncameratus foetens zu ihrer bevorzugten Eiweißquelle erkor. Die Population ist seither drastisch zurückgegangen, das Gleichgewicht an verschiedenen Orten längst aus dem Lot geraten.»

«Richtig schlimm kann das ja wohl nicht sein. Ist nicht vieles einfacher, wenn einem die Welt nicht mehr so fremd vorkommt?»

«Sicher, es beruhigt, in der Regel. Aber es hat auch Nachteile. Zum Beispiel stellt niemand mehr Fragen, denn worüber soll man reden, wenn man alles schon kennt. So geht schnell viel Wissen verloren. Ja manche befürchten sogar, dass sich die Menschheit vielleicht eines Tages gar nicht mehr reproduzieren wird, denn gerade beim Sex…»

Der Obliton (Nuncameratus foetens) kommt überall auf der Insel vor, der Bestand ist jedoch seit Einführung einer neuen Kolibriart stark bedroht. Der Käfer aus der Familie der Microtrigonae wird höchstens 6 mm groß. Er hat einen dreieckigen Körper, den er senkrecht trägt. 

Auf der Bauchseite erkennt man ein Muster aus Kreisen. Die Tiere fressen hauptsächlich morsches Holz, ernähren sich aber auch von den Larven anderer Microtrigonae-Arten. Die Männchen locken die Weibchen mit einem Duft, der an reifen Rotschimmelkäse erinnert. 

«Ich verstehe, klar, wenn man alles schon kennt… Und wie schnell breitet sich die Totale Erinnerung auf der Insel aus?»

«Mit zunehmendem Tempo. Man hat versucht, die Mémisellen auszurotten. Doch sie sind schon überall und vermehren sich schneller und schneller, vor allem auch weil ihr natürlicher Fressfeind kaum noch eine Bedrohung darstellt.» 

«Das klingt nach einem gröberen Problem. Und da kann man gar nichts…? »

«Doch, was wieder einmal illustriert, wie wichtig die Wissenschaft ist! Es ist uns nämlich in Rekordzeit gelungen, das Pheromon von Obliton zu isolieren und im Labor nachzubauen. Wir befinden uns noch in der Entwicklungsphase und haben erst wenig von dem Stoff produziert, bald aber werden ausreichende Mengen zur Verfügung stehen.» 

«Gelobt sei die Sanctissima Scientia, die Menschheit ist gerettet!» scherzte ich, doch eigentlich war mir längst gar nicht mehr wohl.

«Nun, der einzige Nachteil ist der, dass das Antidot absolut anschlägt. Das heißt, all jenen, die es eingeatmet haben, kommt nachher alles, was ihnen begegnet, völlig neu und unvertraut vor. Und auch das hat, wie Sie sich vorstellen können, beträchtliche Konsequenzen für eine Gesellschaft. Doch zum Glück…»

Er nestelte ein kleines Fläschchen aus seinem Rucksack, goss ein paar Tropfen daraus auf ein Taschentuch und streckte es mir hin.

«Zum Glück haben Sie mich getroffen, so können Sie sich wenigstens selbst entscheiden. Im Moment kommt ihnen alles vertraut vor, denn die Mémisellen sitzen hier überall im Gras und in den Büschen. Wenn sie aber an diesem Tüchlein riechen, dann wird Ihnen ab sofort alles völlig neu und unbekannt erscheinen. Sie haben es in der Hand oder vielmehr in der Nase!» schloss er grinsend und freute sich offensichtlich sehr über sein eigenes Bonmot.

Da wusste ich plötzlich auch, warum mir der Blonde so vertraut vorkam. Er sah nicht nur aus wie ich selbst, er sprach nicht nur wie ich, er bewegte sich nicht nur ähnlich: Das war mein Ebenbild, mein Spiegelbild, das war ich selbst, der mir da ein Taschentuch entgegenstreckte.

So weit war es also schon! Gott sei Dank war die Rettung in Griffnähe. Nur, war es eine Rettung? Wie sollte ich, wie konnte ich entscheiden. Mir wurde heiß, mir wurde schwindlig, mir wurde übel, mir wurde das Sonnenlicht zu viel. Neu war das nicht, doch ich ertrug es nicht mehr und schloss die Augen, schloss die Augen vor mir, drückte sie ganz fest zu, noch fester, bis gar kein Licht mehr durch die Lider drang.

Was für ein eigentümlicher Duft, ledrig und süß, halbwelke Blüten, vertraut und fremd zugleich. Augen auf! 

Ich stand mitten auf einem Wanderweg, der ein paar Schritte weiter von der Wiese in den Wald hinein führte. Zu meiner Rechten träumte ein kleiner Teich vor sich hin, auf dem Baumstrunk daneben, der wie ein Ypsilon in die Luft ragte, war ein Eichhörnchen damit beschäftigt, irgendetwas Fressbares aus einem verblichenen Stück Stoff zu popeln, das mehr und mehr in Fetzen aufging. Mein Magen knurrte laut, das Hörnchen ergriff die Flucht, tollte durchs Gras und raste einen Baumstamm hoch. 

Warum nur war ich hier stehengeblieben? Auf, auf nach L’Énanel!

Glossar

Die kleine Gemeinde Ahoa am südlichen Abhang des Mont Kara wurde in den 1850er Jahren von Siedlern aus Zentraleuropa gegründet, deren archaische Holzbehausungen heute noch zu sehen sind. Ahoa bedeutet «Mund» in der Sprache der Kloi. Das Dorf ist heute vor alle für seinen Safran bekannt. 
Berühmtes, auf die Zubereitung von Innereien spezialisiertes Restaurant in Babat.
Stadt am Nordhang des Mont Majorin, bekannt für ihre Legenden und ihre Eingeweide-Küche, die vor allem rund um das große Schlachthaus gepflegt wird.
Die Banque nationale lémusienne (BNL) ist das wichtigste Finanzinstitut der Insel. Sie wurde 1818 von Oscar I. als Banque de Lemusa gegründet mit dem Ziel, den lemusischen Franc zu sichern. 1923, anlässlich der Einführung des neuen Franc, wurde sie in Banque nationale lémusienne umbenannt. Als Zentralbank der Insel ist es ihre Aufgabe (namentlich via Steuerung von Zinshöhe und Geldmenge) Preisniveau und Geldwert zu stabilisieren, indirekt auch Wirtschaftswachstum zu fördern, die Währungsreserve zu erhalten und den Staat zu refinanzieren. Außerdem gibt die BNL Banknoten heraus und bringt sie in Umlauf. Auch das Logo der Bank, drei Buchstaben unter einer Art Palme oder Schirm, stammt von 1923.
Der Chnou (CHN) ist seit dem 1. April 2018 die offizielle Währung von Lemusa und ersetzt den bis dahin gültigen Franc. Der Name geht auf ein altes Längenmaß zurück, das sich an der Breite des Knies orientiert und stammt aus der Kultur der Mai-té.
Bis zum 27. Juni 2016 war Lemusa eine Präsidialrepublik, dann brachte sich Odette Sissay mit Unterstützung der Polizei an die Macht. Seither ist das Land eine Diktatur.
Nach Diane Le Tripudier benanntes Institut an der Rue Nanio im Quartier de l’Opéra von Port-Louis. Wird von der Universität betrieben und bietet vor allem Französisch- und Lemusischkurse für Ausländer an.
Die nationale Fluggesellschaft von Lemusa wird erst 1973 gegründet und durchlebt eine wechselvolle Geschichte. Die Flaggschiffe der heutigen Gesellschaft sind zwei Airbus A320-200, die mit Zusatztanks ausgerüstet sind und Strecken von mehr als 10’000 km bewältigen können. Im Zentrum des neuen Logos der Lemusair steht ab 2016 die lemusische Urwachtel Kalepsi. Sie wird von hinten beim Startlauf gezeigt, was etwas unbeholfen aussieht. Das Logo wurde in den Medien vielfach spöttisch kommentiert.
Das Lemusische entsteht ab 500 aus den verschiedenen galloromanischen Dialekten der Siedler, die in jener Zeit höchstwahrscheinlich direkt aus Europa auf die Insel gelangen. Die Basis des Lemusischen stellen Latein respektive Vulgärlatein dar, ergänzt durch eine ganze Reihe von gallischen und fränkischen Wortstämmen (krendjé «fürchten» von bretonisch kren «Zittern»; kalju «Stein» von gallisch caljo; lischjié «lecken» von althochdeutsch lecken).

Kleines Dorf am Fuß des Mont Mik, war einst eine Station an der Via Condimenta. Die Gemeinde war auch bekannt für ihre Porzellanmanufaktur, die allerdings 1971 geschlossen wurde.

Mit mehr als einer Viertelmillion Einwohnern ist Port-Louis die mit Abstand größte Stadt der Insel und das lebendige Zentrum von Politik, Kultur, Handel und Gastronomie.
Die Gegend um das Dorf Salé war einst für ihre Schweine berühmt, die vor allem am Ufer des nahen Lac du Nombril in grosser Zahl gezüchtet wurden. Heute steht das Gebiet unter Naturschutz. In den Wäldern wachsen Gewürznelkenbäume, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch bewirtschaftet werden.

Verwendete Literatur

Lucie Deslovo: Mots musés. Proverbes de Lemusa
Port-Louis: Librairie Port Louis, 2018.
 
Jana Godet: Ist wahr! Kleine Geschichten aus Lemusa 
Port-Louis: Édition Ruben66, 2017.
 
Elsa Mudame, Gregor Muelas (Hrsg.): L kom Lemusa
Port-Louis: Lemusa Office de Tourisme (LOT), 2019 [2., 1. 2012 unter dem Titel .sl].
 
Rose Ribette: Mil Mistiks. Les secrets de l’île des épices
Port-Louis: Édition Ruben66, 2016.
 
Karol Zhuki: Karabé. Un manuel pour voyager dans le monde des coléoptères de Lemusa
Mit einem Vorwort von Viktor Schefschuk. Port-Louis: Maisonneuve & Duprat, 2016 [3., 1. 1999].

Samuel Herzog (*1966) schreibt über seine Reisen, auch wenn sie ihn manchmal nur auf das Dach seiner Wohnung führen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren Kultur er seit 2001 in Kunsträumen und Publikationen vorstellt. Seit 2002 lebt er in Zürich.